Heinrich Josef Friedrich Breme

(stark gekürzter Auszug aus "Unsere Ahnen - zweiter Teil - Breme, geschrieben von seinem Sohn Gerhard Breme)

Außer seinen Kriegserinnerungen 1914/18 - vier handgeschriebene Bände hat uns mein Vater leider keine Lebensbeschreibung hinterlassen. So kann ich hier nur die Daten seines Lebenslaufes festhalten und dabei dies u jenes aus meiner eigenen Erinnerung einflechten. Als Sohn des Feldmessers Heinrich Breme und seiner Frau Josefa Overkamp kam er in Münster am 5. Februar 1881 zur Welt.

Seine spätere Jugend verbrachte er in dem Hause, das mein Großvater in Münster in der Südstraße 25 gebaut hatte.

In Münster besuchte er das Gymnasium Paulinum, eine altehrwürdige Schule, die ihre Gründung auf den hl. Ludgerus, den ersten Bischof von Münster (um 744-809) zurückführt und sich damit rühmt, das älteste Gymnasium Deutschlands zu sein.

Nach seinem Abitur (1900) folgte sein juristisches Studium an den Universitäten Freiburg, München, Kiel, Berlin und Münster.

Sein Studium beendete er am 5.Juni 1903 mit der Ernennung zum Referendar im Oberlandesgerichtsbezirk Hamm.

Es folgte die Referendar-Ausbildung am Amtsgericht Coesfeld, am Landgericht und bei der Staatsanwaltschaft in Münster, bei Rechtsanwalt Peuß und Notar Neuhaus, beide in Münster, und schließlich am Oberlandesgericht Hamm, wo er am 19. Dezember 1908 die Assessor-Prüfung ablegte und zehn Tage später zum Gerichtsassessor ernannt wurde.

Als Gerichtsassessor erhielt er zunächst ein sog. "Kommissorium* in Bochum (1.3.1909 - 31.5.1910). Gegen Ende dieser Zeit, am 22. April 1910 ernannte ihn Kaiser Wilhelm II. - als König von Preußen - zum preußischen Amtsrichter. Und am 1. Juni 1910 erhielt er seine Bestallung als Amtsrichter am Amtsgericht Recklinghausen.

Damit hatte er eine gesicherte Lebensstellung und konnte endlich - nach mehrjähriger Verlobungszeit - Clara, eine der drei schönen Töchter des Amtsgerichtsrats Ludwig Mumpro, heiraten, um die er schon als junger Referendar gefreit hatte. Nach der standesamtlichen Heirat am 13. Juni wurden meine Eltern am 14. Juni 1910 in St.Mauritz zu Münster getraut.

Am 24.Mai 1913 wurde mein Vater zum Hilfsrichter beim Landgericht Münster und am 20.Mai 1914 zum Landrichter in Münster ernannt. Er war dort in Zivil- und Strafkammern und bei der Referendar-Ausbildung tätig.

In Münster wohnten wir sehr vornehm in der Neubrückenstraße Nr.58 im rechten Seitenflügel des sog. großen Schmisinger Hofes, eines der schönen münsterschen Adelshofe.

Die glücklichen ersten vier Ehejahre fanden mit dem Mobilmachungstage am 2. August 1914 ihr jähes Ende. An diesem 2. August mußte sich auch der Leutnant der Reserve Breme beim Feldartillerieregiment 22 melden, das ihn als Zugführer einer Munitionskolonne einsetzte. Es ging sofort an die Westfront.

In Münster, im Schmisinger Hof, wurde am 23.Januar 1920 - nach fast neunjähriger Pause - mein Bruder Karl Heinz geboren. Pastor Nienhof - unser Nachbar - taufte ihn zwei Tage später in der schönen alten Martini-Kirche auf den langen Namen Karl Heinrich Ludwig Alfred Klemens. Ludwig heißt der nach seinem Großvater Ludwig Mumpro, Alfred und Klemens nach zwei guten Freunden seines Vaters, Alfred Schwenk und Klemens von Droste-Hülshoff.

Im Jahre 1920 schlug Landgerichtspräsident Münster den Landrichter Breme für das Preußische Justizministerium vor. Das war eine hohe Auszeichnung, denn kein Präsident hätte es gewagt, dem Ministerium jemanden vorzuschlagen, von dessen Qualifikation er nicht voll überzeugt gewesen wäre. Am 3.November 1920 wurde mein Vater zunächst zum 'Hilfsarbeiter' und am 6.Dezember 1920 zum Ministerialrat im Preußischen Justizministerium in Berlin ernannt, das damals von Justizminister am Zehnhoff geleitet wurde.

Im Jahre 1922 kam er durch meinen Onkel Heini, der schon damals im Vorstand der Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesellschaft (DAPG . der heutigen Esso-AG in Hamburg saß in Verbindung mit dieser Gesellschaft. Die Entscheidung über deren Angebot, auch in den Vorstand einzutreten  ist meinem Vater nicht leicht gefallen.

Mit dem 20.September 1922 ließ er sich zunächst beurlauben und schied dann mit dem
31.Dezember 1922 aus dem Justizdienst aus.

Am 3. Januar 1923, wurde unsere Schwester geboren, unserer einzigen Schwester, die auf den Namen Barbara getauft, aber Bärbel oder auch Babs genannt wurde.

Das Kapital der DAPG lag ganz in den Händen der Standard Oil Co. of New Jersey (SOC), deren Verwatung in New York, Broadway 26 saß. Wir aber, meine Mutter und wir drei Geschwister blieben noch fast anderthalb Jahre in Steglitz und sahen meinen Vater meist nur zu den Wochenenden. Erst im Frühjahr 1924 fand sich eine geeignete Wohnung im Hochparterre eines großen Mietshauses am Mittelweg 143 im Stadtteil Harvestehude. Die Wohnung war riesenhaft; von der Vorderfront des Wintergartens bis zur Rückfront der Schlafzimmer waren es fast 50 Meter.
Hier in dieser Wohnung sind auch unsere beiden jüngsten Brüder geboren, Jochen am 14. Mai 1924 und Jürgen am 24. Mai 1925. Mit der auf diese Weise vergrößerten Kinderzahl kam aber auch bald der Wunsch nach einem eigenen Hause. Meine Mutter betätigte sich, wie mein Vater es ausdrückte, monatelang als 'Maklerschreck' von Hamburg, suchte in Hamburg selbst, durchquerte alle Vororte und fand schließlich - es war wohl 1927, - in Winterhude am Leinpfad 102 das Haus ihrer Träume. Ein Kaufmann namens Dabelstein hatte es 1924 gebaut und. mein Vater kaufte es für runde 100.000,- RM, damals ein stolzer Preis. Er nannte das Haus Villa Barbara.

Später - ich weiß nicht wann - wurde er stellvertretender Vorsitzender und - als Franz Klasen während des letzten Krieges gestorben war - Vorsitzender des Vorstandes. Die Rechtsfragen, also das, was man zu den Aufgaben des Justiziars eines großen Unternehmens zählen kann, lagen bei Onkel Heini. Ein sehr wesentlicher Teil seiner Tätigkeit bestand im laufenden Kontakt zu den Reichsbehörden in Berlin, vor allem zum Reichswirtschafts- und Reichsfinanzministerium. U a  betreute er die Baltisch-Amerikanische Petroleum-Gesellschaft (Bapico) in Danzig, die die SOC-Interessen in den baltischen Randstaaten wahrnahm. Eine umfangreiche Untersuchung des nationalen und internationalen Steuer rechts verschiedener europäischer Länder, die er für die SOC vornahm, brachte ihn in freundschaftliche Verbindung mit Guy Wellman, dem Chefjuristen der SOC in New York. Mit ihm und seiner Frau unternahm er einmal eine große Deutschlandreise. Als Fahrer unseres schönen Horch-8-Cabriolets durfte ich sie begleiten. Ebenfalls für die SOC entwickelte er den Gedanken einer konzerneigenen Versicherungsgesellschaft in Liechtenstein für die gesamte Tankerflotte des weltweiten SOC-Konzerns. Die nach seine Vorschlägen in Vaduz unter dem Namen „International-Co“ gegründete Gesellschaft hat bis zum Kriege, vielleicht noch länger, glänzend gearbeit. Auch Fragen der inländischen Erdöl-Förderung beschäftigten ihn. Lange Jahre war er Mitglied des Aufsichtsrats der Gewerkschaft Brigitta in Hannover, an der die SOC beteiligt war. Für diese Gewerkschaft löste er schwierige Steuerfragen. (Für den Fachmann: Aktivierung der Bohr-Verluste).

Lange Zeit war er auch Präsident des Erdölreichsverbandes, der die gemeinsamen Interessen der deutschen Mineralölwirtschaft wahrnahm. In engem Kontakt stand er auch mit den Herren der IG-Farben Industrie AG, als sich eine internationale Zusammenarbeit zwischen der SOC und diesem deutschen Chemie-Riesen auf dem Gebiet der Petrochemie (IG-Standard) anbahnte. Zu diesem Kapitel gehört auch die gemeinsame Errichtung einer großen Hydrier-Anlage bei Stettin, der Hydrierwerke Pölitz AG.

Seine Tätigkeit in In- und Ausland brachte ihn mit vielen führenden Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens und des öffentlichen Lebens zusammen, natürlich auch mit solchen des NS-Regimes wie Hermann Göring und Hjalmar Schacht. Daß er zahlendes Parteimitglied wurde, war für ihn als Vorstandsmitglied einer 'ausländischen' Gesellschaft vielleicht notwendig. Erspart blieb ihm aber die Ernennung zum Wehrwirtschaftsführer.

Ein Ereignis will ich aber noch erwähnen, den Stapellauf und die Taufe der 'Friedrich Breme' am 15.Mai 1936 in Bremen. Die 'Friedrich Breme', ein Motor-Tankschiff mit einer Tragfähigkeit von 15.000 tons, gebaut auf der Deschimag-Werft für die Waried-Tankschiff-Reederei, die Reederei der DAPG, gehörte damals zu den größten Tankern. Meine Mutter taufte das Schiff mit den Worten: "Glück und Segen auf allen deinen Fahrten, ich taufe dich: heiße 'Friedrich Breme". Nicht nur das Schiff hatte damit einen Namen, auch die vier Rettungsboote trugen die Ihren, nämlich die Vornamen meiner vier Geschwister. Der Taufspruch meiner Mutter hat den Tanker Friedrich Breme nicht vor seinem Schicksal bewahrt. 

Als der Krieg begann, war er auf Atlantik- Fahrt und wurde, um nicht in die Hände der Briten zu fallen, nach Murmansk beordert. Hier lag er monatelang Seite an Seite mit den großen Passagierschiffen 'Europa' und 'Bremen', wurde dann aber als Versorgungsschiff der Kriegsmarine auf dem Atlantik eingesetzt. Die Friedrich Breme hat auch diese Aufgabe unter ihrem Kapitän Otto Schultze brav erfüllt, wurde dann aber durch H.M.S. Sheffield aufgebracht, in Brand geschossen und von ihrem Kapitän durch Öffnen der Bodenventile versenkt. Kapitän und Mannschaft gerieten in englische Gefangenschaft.

Es war ein arbeitsreiches Leben, das mein Vater geführt hat, so wie das Leben seines Vaters und das seines Großvaters. Doch fand er noch genügend Zeit zum Golf auf dem Golfplatz Falkenstein bei Blankenese. Und auch die Familie kam nicht zu kurz.

 Das letzte große Familienfest, das wir noch alle gemeinsam feiern konnten, war meine Hochzeit mit Luitgard von Höbe, die mein Vater so sehr in sein Herz geschlossen hatte, am 29.Dezember 1939 in Gelting und Ohrfeld. Dann kam die Kriegszeit, und von uns Geschwistern wurde einer nach dem anderen eingezogen, erst ich schon im Januar 1940, später auch Karl Heinz und Jürgen und als letzter Jochen - er war Medizinstudent  der zu Beginn des Krieges bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt war, deswegen bei der Musterung mehrfach zurückgestellt und schließlich doch zu den Grenadieren geholt wurde. Und unsere Schwester Bärbel wurde zunächst als Straßenbahnschaffnerin in Lübeck dienstverpflichtet; dann wurde sie Wehrmachtshelferin.  

Am 29.April 1945, eben nach der Besetzung Hamburgs durch die Engländer, starb mein Vater nach einer schweren Operation an einer Lungenentzündung. Nur meine Mutter war bei ihm. Ich selbst war kurz zuvor aus Ostpreußen über die Ostsee zurückgekommen und nach Ohrfeld getrampt, konnte ihn aber nicht mehr sehen, denn nach der Besetzung war jede Reise unmöglich. Mit dem Tode meines Vaters begann für uns ein Jahr voller Tragik. Unsere geliebte Schwester Bärbel kam - scheinbar gesund - aus dem Kriegsdienst zurück, trug aber den Keim einer tödlichen Krankheit schon in sich. Am 10.August starb sie an Kinderlähmung. Und nur wenig später, am 29. September 1945 entriß uns der Tod unsere Mutter durch einen Unfall. Ihr blieb die Nachricht erspart, daß unser Bruder Jochen bei den letzten Kämpfen um Berlin schwer verwundet und am 10. Mai im Lazarett in Charlottenburg seinen Verletzungen erlegen war. Und unser Bruder Jürgen schließlich - er war Marineartillerist -, der bei Kriegsende über Dänemark in Ohrfeld gelandet und bei meinem Schwiegervater landwirtschaftlich Eleve war, zog sich eine Sepsis zu, der er am 25.Mai 1946 im Franziskus-Hospital in Flensburg erlag. So blieben meine Frau, ich und mein Bruder Karl Heinz - nach langer Gefangenschaft in Afrika zurückgekehrt - allein zurück. Doch das Leben mußte weitergehen und ging weiter. Am 9.August 1948 heiratete Karl Heinz meine Schwägerin Stefanie. Und inzwischen ist, wie die Stammtafel ausweist, eine neue Generation, die der Enkel meines Vaters, herangewachsen, und schon beanspruchen drei Urenkel ihr Recht. 

Nur fehlt in dieser jüngsten Generation noch ein Stammhalter des Namens Breme, der einmal diese Chronik weiterschreiben könnte. Und mit dem Wunsche, daß dieser Stammhalter sich bald melden möge, will ich einstweilen das Kapitel 'Breme' dieser Chronik abschließen.