Jacques Emile Louis Alexandre Nölting,

geb. 20.08.1812 in Mannheim, gest. 19.04.1899
in Hamburg, Kaufmann, verheiratet in erster Ehe
1838 mit Florida Richeux, gest. 1864, drei früh
verstorbene Kinder, in zweiter Ehe mit
Louise Alexandrine Clara Windsor. geb. 16.04.1826,
in Port au Prince, Haiti, gest. 18.07.1898 in Hamburg,
6 Kinder

Emile Nölting wurde am 20.08.1812 in Mannheim geboren. Als Vierjähriger kam er 1816 mit seinen Eltern nach Hamburg. Er wuchs in einer damals sehr unruhigen Hansestadt auf. Durch die von Napoleon verhängte Kontinentalsperre war Hamburg handelspolitisch isoliert worden und rücksichtslose Besatzerstrenge der Franzosen hatte 130.000 Einwohner drangsaliert. Dem folgten nach Abzug der ungeliebten Besatzer Denunziation, Egoismus, Raffgier und eine bestürzende Verrohung der Sitten.

Vor einem solchen Hintergrund vollzog sich die Jugend Emile Nöltings. Er erhielt eine sorgfältige Erziehung, besuchte allerdings nicht die Gelehrtenschule des Johanneums wie seine Brüder. Mit sechzehn Jahren wurde er konfirmiert. In der Stadt brodelte es. Mittelstand und Kleinkaufleute fühlten sich von den Großkaufleuten übervorteilt. Korruption, Vetternwirtschaft und Preistreibereien provozierten und schufen im Volk Explosionsstimmung. Zum Sündenbock wurden die Juden gemacht. "Juden raus, hep, hep, hep!" wurde zur Stadtparole. Aufstände schaukelten sich 1830 bis 1835 hoch. Fensterscheiben klirrten, Stadtmilitär zog gegen den grölenden Pöbel.

Die Lehre

Siebzehnjährig trat Emile Nölting am 13.04.1829 als Lehrling bei der Firma Tanner & Brook in Hamburg ein. Zweifelsohne sah und erlebte der junge Mann viel Chaotisches in einer heruntergekommenen Welt. Aus dem Lehrling wurde ein Geselle, "Comis" wie es damals hieß.

Als solcher arbeitete er dann bei der Firma Joh. Dan. Schirmer, die vielfach als Makler für nach Westindien bestimmte Schiffe auftrat. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er sich deshalb und aufgrund seiner guten französischen Sprachkenntnisse entschloss, "auf gut Glück" im Jahre 1836 auf dem Segler "Superior" Kurs auf Haiti zu nehmen.

Haiti

Haiti, der westliche Teil der von Kolumbus entdeckten Insel San Domingo wurde 1697 im zwischen Frankreich und Spanien geschlossenen Vertrag von Reyswick französische Kolonie. Weil die ursprünglichen Einwohner bald nach dem Eindringen der Spanier ausgestorben waren, hatte man bereits im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts Schwarzafrikaner als Sklaven eingeführt. Daher die nahezu hundertprozentig schwarze Bevölkerung. Erst die Ideen der französischen Revolution beendeten 1793 die Sklaverei und schon bald kam es zu Streitigkeiten mit der Kolonialmacht. Die französischen Bewohner wurden vertrieben oder getötet und 1804 erklärte Haiti als zweiter Staat der Neuen Welt seine Unabhängigkeit. Anfangs herrschte absolutes Chaos aber schon bald erlaubte man weißen Kaufleuten, sich in den Hafenstädten niederzulassen. War doch das Land gezwungen, seine Produkte im Ausland abzusetzen und von dort Lebensmittel und Gebrauchtwaren einzuführen. Nach Angaben eines österreichischen Forschungsreisenden lebten z.B. in Port au Prince um 1820 nur zwanzig Europäer!

Die neuen schwarzen Machthaber errichteten eine Schreckensherrschaft, ernannten sich zu Königen, es gab innere Unruhen und schließlich führte ein Aufstand 1820 dazu, dass das Land eine republikanische Verfassung erhielt und Port au Prince zur Hauptstadt erklärt wurde.

 

Das etwa war die Situation als Emile Nölting in Haiti eintraf, wo er bald eine Stellung bei der Firma J.R. Bernard & Co. fand. Schon zwei Jahre später wurde er Teilhaber. Bereits 1838 hatte er Florida Richeux, die Tochter eines Plantagenbesitzers, geheiratet und es ist nicht ausgeschlossen, dass ihm sein Schwiegervater einen Teil der Mittel beschaffte, die die Beteiligung bei J.R. Bernard & Co. erforderte.

Später gründete er mit den ihm befreundeten Hamburgern Reimers und Münchmeyer eine eigene Firma mit Niederlassungen in Kap Haiti und auf der dänischen Insel St. Thomas. Schon 1846 ging Münchmeyer nach Hamburg zurück, wo er die Interessen seiner Freunde auf Haiti wahrnahm. Nach Kaffee wurde vorwiegend Zucker, Baumwolle, Sisal, Tabak und Blauholz nach Hamburg exportiert. Eingeführt wurden Industrieprodukte wie Eisenwaren, Hüte, bedruckte Baumwollstoffe, aber auch Bier, Genever und Wein. Ein seinerzeit lukratives Geschäft.

Erste Ehe

Emiles erste Frau Florida schenkte ihm drei Söhne, die aber nur kurze Zeit lebten. Sie selbst verstarb 1846 in Paris auf einer Europareise, während sich ihr Ehemann geschäftlich in Hamburg aufhielt.

Zweite Ehe

Im Jahre 1850 heiratete Emile dann Clara Windsor. Sie wurde am 16.04.1826 in Port au Prince geboren und entstammte einer dort ansässigen katholischen Familie irischer Abstammung. Eine ihrer Schwestern war mit Charles Purgold verheiratet, der geschäftlich mit Emile Nölting zusammenarbeitete und später, d.h. von 1860 bis 1868 Teilhaber bei Emile Nölting & Co. in Hamburg war.

Als sich der haitianische Präsident Soulouque im Jahre 1849 zum Kaiser Faustin l krönen ließ, versuchte er seinem Hof dadurch Ansehen zu verschaffen, dass er europäische Familien seinem "Hofstaat" zuordnete. So war Clara Nölting schon vor ihrer Heirat von der Kaiserin Adelina zur "Dame de notre Chapelle" ernannt worden! Die guten Beziehungen zum "Hofe" wirkten sich für Emile Nölting zweifelsohne auch geschäftlich günstig aus. Zumindest erwarb er sich durch die sachliche Abwicklung der Transaktionen das besondere Vertrauen des Kaisers.

Als diese Geschäfte ein Ende fanden, kehrte Emile Nölting 1853 nach Europa zurück. Mit seiner Familie lebte er drei Jahre lang in Manchester, von wo aus er den Einkauf und die Verschiffung für Haiti bestimmter Waren besser beaufsichtigen konnte. Er wollte nämlich dem Kommissions- und Warenhandel wieder mehr Bedeutung beimessen, und die in Haiti gängigsten Artikel kamen nun einmal aus England. Im Sommer 1856 kehrte die Familie dann endgültig nach Hamburg zurück und zwar mit zwei in Manchester geborenen Töchtern.

Rückkehr nach Hamburg

Sofort bemühte sich Emile Nölting um das Bürgerrecht. Sein Antrag an "einen hochedlen und hochweisen Rath dieser Freien und Hansestadt Hamburg", ihm als Sohn eines Hamburger Bürgers das Bürgerrecht zu bewilligen (Bürgersöhne zahlten weit weniger Gebühren als andere Antragsteller!), wurde abgelehnt, weil "Supplicant" laut Verordnung von 1843 durch seine Heirat im Ausland sein Heimatrecht verloren habe. Auch ein zweiter von seinem Advokaten Dr. Octavio Schroeder unterstützter Antrag, in dem er unter anderem darauf hinwies, seine Steuern immer bezahlt zu haben, fand keine Gnade und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die für Fremde wesentlich höheren Gebühren für die Erteilung des Bürgerrechts zu bezahlen. Am 3. April 1857 leistete erfolgenden Bürgereid:

Wie seinerzeit viele junge Hamburger Kaufleute, so hatte auch Emile Nölting die Gunst der Stunde (Befreiung der Kolonien in Amerika, Industrialisierung und Freihandel in Europa) auszunutzen gewusst und es durch wagemutigen Einsatz im Ausland und geschicktes Taktieren zu einem beachtlichen Vermögen gebracht. Am 31. Dezember 1858 wurde die von ihm neu gegründete Im- und Exportfirma Emile Nölting & Co. in das Handelsregister Hamburgs eingetragen.

Hamburg war im Jahre 1842 durch den großen Brand im Zentrum weitgehend zerstört worden. Der Wiederaufbau wurde schnell in Angriff genommen und erfolgte großzügig. Ganze Straßenzüge entstanden neu, darunter auch die Ferdinandstraße, in deren Haus Nr. 24 Nöltings vorerst mit Wohnung und Kontor unterkamen. Im Jahre 1860 konnte Emile Nölting das schöne Haus Alsterdamm (heute Ballindamm) 2 kaufen - siehe unten. Auch diese Straße war nach dem Brand neu angelegt worden und bildete den östlichen Abschluss der nun fast rechteckigen Binnenalster. Schon vier Jahre später erwarb er das dahinterliegende Haus Ferdinandstr.4, in dem nun das Kontor ausreichend Platz fand.

In der Hamburger Kaufmannschaft errang Emile Nölting schnell eine geachtete Stellung. Seine Firma hatte, bedingt durch den Rückgang des Haiti-Geschäftes, ihre Aktivitäten schon bald auf die Märkte anderer Länder Lateinamerikas sowie auf Spanien, Portugal und Marokko ausgedehnt. Sie zählte inzwischen zu den bedeutendsten und angesehensten Handelshäusern der Stadt.

Kaufmännische und ehrenamtliche Aktivitäten

Es würde im Rahmen dieser kleinen Schrift zu weit führen, auf seine vielfältigen kaufmännischen und ehrenamtlichen Aktivitäten ausführlich einzugehen. Deshalb nur einige Hinweise in Kurzform:

1859   Von der "Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns" zum Handelsrichter erwählt.

1859   Vom haitianischen Kaiser Faustin l zum "Consul d'Haiti pres le Gouvernement S.M. Danoise ä la residence de Copenhague" ernannt.

1862   Reeder von fünf Segelschiffen

1863   Mitgründer und Förderer der Actien-Bierbrauerei (später Bavaria- und St. Pauli Brauerei), zeitweise Vorstandsvorsitzender.

1865   Vicepräsident des Zoologischen Gartens, an dem der bekannte Zoologe Alfred Edm. Brehm zeitweise als Direktor wirkte ("Brehms Tierleben")

1865   Ernennung zum Generalkonsul von Haiti in Hamburg.

1869   Mitgründer der Hollerschen Carlshütte in Rendsburg, bis 1885 Vorsitzender des Aufsichtsrates.

1869   Mitarbeit in der Kommission für die Gartenbauausstellung in Hamburg.

1870   Mitgründer der Commerz- und Discontobank in Hamburg (heute Commerzbank) von 1881 bis zu seinem Tode 1899 Aufsichtsratsvorsitzender (Gründungsurkunde hier klicken)

1872   Stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates der Chemischen Fabriken Harburg-Stassfurt bis zu seinem Tode.

1877   Mitglied des Gründungskommitees des katholischen Marienkrankenhaus in Hamburg.

 

Freihafen Hamburg

Politisch aktiv wurde unser Vorfahr im Zusammenhang mit der Errichtung des Hamburger Freihafens in den achtziger Jahren und den vorangegangenen Querelen. Bei Gründung des Reiches 1871 waren Hamburg und Bremen Zollausland geblieben, eine Situation, die den mit aller Welt handelnden Hanseaten sehr willkommen war. Als Bismarck dann 1879 vom Freihandel zum Schutzzoll umschwenkte, wurde Hamburg nahe gelegt, den Anschluss an das deutsche Zollgebiet zu beantragen. Die weitaus größere Zahl angesehener Hamburger Kaufleute lehnte dieses Ansinnen strikt ab, doch unter Federführung von John Berenberg-Gossler machte eine weit geringere Zahl von Kaufleuten Bismarck einen Gegenvorschlag, der später zum Segen des Hamburger Außenhandels zur Ausführung gelangte. Danach sollte Hamburg ein verkleinerter Freihafen unter Einschluss eines Teiles der Elbe belassen und die Ansiedlung von Exportindustrie in diesem Gebiet zugelassen werden. Einer der im Verhältnis zu den "Protestlern" wenigen Unterzeichner dieses Schreibens war Emile Nölting. Berenberg-Gossler wurde später geadelt. (Nachzulesen in dem Buch "Bürgerstolz und Kaisertreue von Renate Hauschlid-Thiessen, S. 79 ff).

Der Wechsel zum katholischen Glauben

Zur Freude seiner Ehefrau und seiner inzwischen sechs Kinder entschloss sich Emile Nölting im Jahre 1883 zum katholischen Glauben überzutreten. Wie dankbar und froh dieser Schritt in seiner Familie aufgenommen wurde, darüber legen die in Kopien noch vorhandenen Briefe der Kinder an ihre Eltern Zeugnis ab. Über seine Aktivitäten zu Gunsten der katholischen Gemeinden in Hamburg und Altona, die sich vielfach im Schütze der Anonymität abspielten, berichten wir im Zusammenhang mit dem Landsitz 'Villa Clara".

Die Firma Emile Nölting & Co

Im Jahre 1890 übertrug Emile Nölting, inzwischen 78 Jahre alt, die Firma Emile Nölting & Co. seinem einzigen Sohn, Marie Joseph Edgar. Katastrophen zweier Kriege und Inflationen hat Edgar Nölting sr. und seine beiden inzwischen als Teilhaber aufgenommenen Söhne Emile und Weltkrieg und die Inflation erlittenen Verluste im Rahmen des Möglichen ausgleichen können, als 1939 die weit größere Katastrophe über unser Land hereinbrach.

Während dieses zweiten Krieges verstarben der Senior und sein Sohn Emile. So stand mein Vater, Edgar Nölting jr., als er 1945 aus dem Kriegseinsatz heimkehrte, allein vor einem Scherbenhaufen. In harter Arbeit gelang es ihm, gemeinsam mit meinem Bruder Wolfgang und mir, die nahezu 10 Jahre von Kunden und Lieferanten im Ausland abgeschnittene Firma wieder flott zu machen. Nach dem Tod meines Vaters (1974) und meines Bruders (1984), sah ich mich gezwungen, einen Nachfolger zu suchen, da meine Söhne sich beruflich anderweitig orientiert hatten.

Edgar von Hobe bin ich sehr dankbar, dass er 1986 die traditionsreiche Firma übernahm, wenngleich er das Geschäft, bedingt durch den Strukturwandel im Hamburger Außenhandel, auf eine ganz andere Basis stellen musste.

Der Bericht über unseren Vorfahr würde ohne die Erwähnung seines "Landsitzes" im damals preußischen Altona/Othmarschen nicht vollständig sein. Dieser Besitz, mit dem mein Vater, Edgar Nölting jr., die schönsten Jugenderinnerungen verbanden, ist eine eingehende Beschreibung wert:

Villa Clara

Fährt man heute auf der Elbchaussee von Altona in Richtung Blankenese, so erblickt man dort, wo sich in einer leichten Rechtskurve linkerhand ein schöner Ausblick auf die Elbe und den gegenüber liegenden Petroleumhafen öffnet, rechts der Straße hinter einem lang gezogenen Rasen den etwa 1 1/2 m hohen Stumpf eines Hauses. Es ist das erhaltene Kellergeschoß des im Kriege durch Bomben zerstörten "Franzosenzeit" an einen ehemaligen Sekretär Napoleons, den kaiserlich französischen Ministerresidenten in Hamburg, Louis Antoine Fauvelet de Bourrienne vermietet war. Nachdem es noch einige Male den Besitzer wechselte, kaufte Emile Nölting den Besitz im Jahre 1865. Hierüber berichtet Paul Th. Hoffmann in seinem erstmalig im Jahre 1937 erschienen Buch "Die Elbchaussee" (S. 100/101) wie folgt:


Anmerkung  2001 entstand hier ein neues Haus

Nach dem Tode Frau von Struves 1865 kaufte der Generalkonsul Emile Nölting den Besitz. Jacques Emile Louis Nölting entstammte einer seit etwa 1750 in Hamburg ansässigen Familie. Als sich seine Eltern vorübergehend in Mannheim aufhielten, wurde er 1812 daselbst geboren. Doch wurde der Vater bald als Senatskanzlist nach Hamburg zurückberufen. Der junge Nölting arbeitete jahrelang im Ausland, auf Haiti, auf St. Thomas und in England. 1858 gründete er, nach Hamburg zurückgekehrt, die noch bestehende Firma Emile Nölting & Co. 1870 rief er in Gemeinschaft mit elf anderen Hamburgern und auswärtigen Firmen die "Commerz- und Disconto-Bank" ins Leben, deren Vorsitzender er lange Jahre war. 1873 schuf er zu diesem Unternehmen ein Tochterinstitut in London, die "London and Hanseatic Banc" (jetzt "London Merchant Banc"), die er gleichfalls leitete. In Hamburgs öffentlichem Leben war Nölting eine bekannte Persönlichkeit. Er war u.a. Handelsrichter. Mitglied der Gefängnisdeputation und Vizepräsident des Zoologischen Gartens. 1889 überließ er die Firma Emile Nölting & Co. seinem Sohn Edgar Nölting, der sich 1885 mit Margarita Gayen aus Altona vermählt hatte. Viele Jahre war Emile Nölting im Vorstand des St. Marien-Krankenhauses zu Hamburg tätig, für dessen Erweiterung er sich Anfang der achtziger Jahre mit aller Energie einsetzte. Für den Bau der St. Marien-Kirche in Hamburg-St. Georg gab er eine bedeutende Summe, und der katholischen Gemeinde in Altona schenkte er in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre das Grundstück an der Reitbahn in Ottensen, auf dem jetzt das Pfarrhaus steht. Kurz vor seinem Tode versprach er den Grauen Schwestern für ambulante Krankenpflege ein neues Heim, das "Nölting-Stift", dessen Bau nach seinem Wunsch die Erben im Jahre 1900 ausführen ließen.- Bis wenige Monate vor seinem Tode erfreute er sich einer kernigen Gesundheit und einer für sein hohes Alter bemerkenswerten Geistesfrische. Erstarb 1899.- Der Othmarscher Landsitz diente Nölting nur als Sommeraufenthalt. Er wurde damals nach Nöltings Gattin Clara, geb. Windsor, "Villa Clara" genannt. Nölting pflegte den Garten sehr und ließ ihn mit allerlei Bäumen und Ziersträuchern neu besetzen.

In seinem Buch "Goldene Jugend am Rothenbaum" hat mein Vater Edgar Nölting (1888-1974)seine ersten Erinnerungen an das Landhaus seiner Großeltern aufgezeichnet, nämlich als seine Eltern mit ihm und seinen Geschwistern Emile, Carl Joseph und Cornelia, vom gerade bezogenen großen Haus am Rothenbaum der in Hamburg grassierenden Cholera wegen aufs Land flohen. Es heißt dort auf Seite 35:

1892 brach in Hamburg, über den Hafen eingeschleppt und von den mittelalterlichen Wasserverhältnissen begünstigt, die Cholera aus. Gelegentlich sollen zu der Zeit in Hamburg kleine Aale aus der Wasserleitung gekommen sein. Meine Erinnerungen an die Cholera-Zeit sind etwas verschwommen, und ich kann nicht genau zwischen Erinnerung und späteren Erzählungen unterscheiden. Tote auf den Straßen wurden von zahlreichen Leichenwagen eingesammelt. Es muss eine entsetzliche Katastrophe gewesen sein. In der Nachbarschaft der überfüllten Krankenhäuser wurden Baracken zur Aufnahme der Kranken gebaut; es waren ganze Kolonien, die uns in späteren Jahren Mutter als Cholerabaracken zeigte.

Großvater nahm uns in der Villa Clara, seinem Sommerhaus an der Elbchaussee, zusammen mit der Familie Will auf. Ich erinnere mich, dass meine Cousinen Bella und Alice Emile und mich im Garten in Puppenwagen als "Petrine und Zuckeriine" spazieren fuhren, wie auch an das strenge Verbot, Wasser zu trinken und die Angst von Großmutter und Mutter, wenn ihre Männer morgens in die Stadt fuhren.

Das Grab

Clara Nölting verstarb am 18. Juli 1898 und nicht ganz ein Jahr später, am 19. April 1899 folgte Ehemann Emile ihr nach. Wie im Testament bestimmt, wurden beide an der Seite der Gräber von Emiles Eltern auf dem St. Jacobi-Friedhof in Wandsbek beigesetzt. Dieser Friedhof wurde Anfang der dreißiger Jahre für weitere Bestattungen gesperrt und später aufgelöst.

Emile und Clara Nölting hinterließen sechs Kinder, nämlich:

  1. Henriette Isabella Nölting, verheiratet mit Bertram Baron von Hobe-Gelting

  2. Therese Alice Nölting, verheiratet mit Hans Hasche, Rittergut Jeziorki, Posen (heute Polen)

  3. Marie Hermine Nölting, verheiratet mit Carl F. Will, Hamburg

  4. Clarisse Emma Marie Blanche Nölting, verheiratet mit Heinrich Hagemeister, Hamburg

  5. Marie Joseph Edgar Nölting, verheiratet mit Margarita Gayen, Hamburg

  6. Clara Emilie Leonie Nölting, Ordensfrau bei den "Schwestern vom hl. Joseph" in Trier

Das Testament

Im Jahre 1892 hatte Emile Nölting sein Testament errichtet, um sein beachtliches Vermögen "zum besten meiner Frau und meinen Kindern gereichen zu lassen". Dieses aus dreiundzwanzig Seiten von Hand eng beschriebene Dokument zeigt nicht nur, dass das hinterlassene Gesamtvermögen nach Liquidierung des Grundbesitzes einen Wert von mehr als acht Millionen Mark darstellte, sondern auch, dass der Erblasser um absolut gerechte Verteilung des Nachlasses an seine Kinder bemüht war. So werden Vorempfänge, wie die Finanzierung des Umbaus des Geltinger Schlosses, Hilfen für das Gut Jeziorki der Hasches oder der Kapitalübertrag an seinen Sohn Edgar bei Übernahme der Firma Emile Nölting & Co., auf Heller und Pfennig aufgeführt, um später beim Erbfall verrechnet zu werden.

Was den Erbteil seiner jüngsten Tochter, der Ordensfrau Leonie Nölting anbetrifft, so bestimmt er, dass die Testamentsvollstrecker ihr Erbe verwalten und ihr lebenslänglich die anfallenden Zinsen auszuzahlen haben. Bei ihrem Tod "soll ihr gesamter Erbtheil unter sämtliche Kinder meiner übrigen Kinder nach Kopftheilen vertheilt werden". Tante Nono, wie sie in der Familie hieß, starb hochbetagt im Jahre 1947. Zwei Kriege und zwei Inflationen hatten das in Wertpapieren und Hypotheken angelegte Erbteil derart entwertet, dass die Testamentsvollstrecker nur unbedeutende Beträge in Reichsmark an die Enkel auszahlen und damit das Testament zum Abschluss bringen konnten.

Noch kurz vor seinem Tode hatte Emile Nölting den ihn pflegenden "Grauen Schwestern" (Schwestern der Heiligen Elisabeth) ein neues Heim versprochen. Diesem Wunsch entsprachen die Erben und schon im Jahre 1900 wurde in der Nähe des "kleinen Michel" an der Pastorenstraße das "Nölting Stift" errichtet. Das Haus hat den letzten Krieg überdauert, musste jedoch Ende der sechziger Jahre dem Bau der Katholischen Akademie weichen.

Nölting Stift

In Hamburg finden sich, abgesehen von der Grabplatte des Johann Andreas im Gruftkeller von St. Michaelis, der Nölting Straße im Stadtteil Ottensen und der Nölting-Willschen Grabstätte auf dem Ohlsdorfer Friedhof, keine Zeugnisse mehr, die auf unsere Familie hinweisen. Die von unseren Vorfahren bewohnten Häuser sind entweder der Spitzhacke oder den Fliegerbomben des letzten Krieges zum Opfer gefallen, so die Häuser des Professor Johann Hinrich Vincent, das Haus Emiles am heutigen Ballindamm, die Villa Clara an der Elbchaussee, das Haus Edgars am Rothenbaum und schließlich das Haus seines Sohnes Edgar, mein Elternhaus in Hamburg-Niendorf.