Die Geschichte der Nöltings bis Jacques Emile Louis Alexandre

Vorwort

Der von meiner Tochter, Daniela Köhncke, und Clemens Breme geplante und weitgehend vorbereitete Familientag war für mich Anlass, unter Mitarbeit meines Vetters Heino v. Rantzau diese kleine Schrift zu verfassen. Allen Teilnehmern dieses Treffens sowie auch anderen interessierten Familienangehörigen soll sie Auskunft über die mutmaßliche Herkunft der Nöltings und über das Leben unserer Nölting-Vorfahren bis hin zum Ende des vorigen Jahrhunderts geben.

Neben zahlreichen, auf mich als ältesten Nölting meiner Generation überkommenen, Familiendokumenten war für unsere Arbeit die von unserem entfernt Verwandten Pastor Johannes Nölting verfasste zweibändige Familiengeschichte besonders hilfreich. Pastor Nölting schenkte sie meinem Vater Edgar Nölting noch jeweils zum siebzigsten und achtzigsten Geburtstag (1958 und 1968). Aufgrund mit großer Akribie durchgeführter Nachforschungen gibt diese Schrift Auskunft über unsere gemeinsamen Nölting-Vorfahren, d.h. bis zum Prof. Johann Hinrich Vincent Nölting (gestorben 1806). Darüber hinaus dienten uns als Quellen folgende Schriften: "Die Elbchaussee" von Paul Th. Hoffmann, Erstauflage 1937, die zum hundertjährigen Bestehen der Firma Emile Nölting & Co. 1958 veröffentlichte Firmengeschichte sowie die 1971 und 1974 erschienenen Bücher meines Vaters "Goldene Jugend am Rothenbaum" und "Vom Rothenbaum nach Niendorf". Hamburg, im März 1996

Hans-Jörg Nölting

 

Mutmaßliche Herkunft der Familie Nölting

Schon in jungen Jahren hat sich Johannes Nölting, später evangelischer Pastor in Altengamme bei Hamburg, für die Geschichte unserer Familie interessiert. Angeregt durch einen von seiner Großmutter angefertigten Stammbaum, der bis zu unserem Vorfahr Johann Heinrich Nölting, Ende des siebzehnten Jahrhunderts Pastor zu Mustin im Lauenburgischen, zurückführte, machte sich Johannes bereits als Siebzehnjähriger mitten im ersten Weltkrieg auf den Weg, um in Mustin die Kirchenbücher zu studieren. Dieser erste Ausflug in die Vergangenheit beflügelte seine Forschungen, die er mit großer Akribie durchführte, wobei ihm sein späterer Einsatz als Pastor gerade in dieser Gegend sehr behilflich war. In das alte 1693 durch die Dänen zerstörte Ratzeburg weisen uns die Nachrichten über unsere ältesten Nöltingschen Vorfahren. Aus dortigen Kirchenbüchern geht hervor, dass "am Sonntag Exaudi 1616 Henrich Nölting mit Wendula Meyers getraut wird". Als Henrich dann im November gleichen Jahres die Bürgerschaft gewinnt, heißt es im Bürgerschaftsbuch "Henrich Nölting, ein Tuchmacher, ist eines Bürgers Sohn". Danach ist schon Heinrich Nöltings Vater Bürger in Ratzeburg gewesen, aber da das Bürgerregister nur bis zum Jahr 1601 zurückreicht, lässt sich hierüber nichts mehr ermitteln.

Aber unser Familienname wird noch vor 1616 in Ratzeburg erwähnt, und zwar in einem Prozess gegen den Lauenburgischen Herzog Magnus II, der 1574 in das zu Mecklenburg gehörige Domgebiet eingefallen war. Ein Zeuge in diesem Prozess, ein Tuchmacher namens Hans Wege aus Lemgo, gibt bei seiner Vernehmung an, dass "Zeugens Knecht undt Freundt, Engelke Nolking genandt, gefangen genommen, aber dennoch dem Feindt wieder endtlauffen sei". Es ist durchaus möglich, dass es sich hierbei um ein Glied unserer Familie gehandelt hat. Dafür spricht auch, dass besagter Engelke Nolking als Tuchmacherknecht, d.h. Geselle, genannt ist, also später wohl Tuchmachermeister geworden ist. Die Tuchmacherei wurde in unserer Familie bis in die Zeit der Bombardierung der Stadt 1693 ausgeübt. Es ist anzunehmen, dass die Nöltings erst Ende des sechzehnten Jahrhunderts nach Ratzeburg gekommen sind. Aus den Akten des erwähnten Prozesses gegen den Herzog Magnus fällt auf, dass die meisten Zeugen keine gebürtigen Ratzeburger sind, sondern aus anderen Teilen des Reiches, besonders aus der Gegend der mittleren Weser stammen. Das aber ist zugleich das Gebiet, in dem unser Familienname am häufigsten ist. Stadthagen, Bückeburg, Rinteln, Minden, Hameln, Pyrmont, Gellersen sind die Ortsnamen, auf die wir stoßen, wenn wir dem Herkommen anderer Namensträger "Nölting" nachgehen. Darum dürfen wir annehmen, dass jener Engelke Nolking, der ja ausdrücklich als Freund des Tuchmachers Hans Wege genannt wird, mit diesem aus dessen Heimatstadt  Lemgo oder aus jener Gegend überhaupt um 1570 in den Norden Deutschlands gewandert ist. Wenn wir außerdem bedenken, dass unser Name ein Diminutiv des Namens "Noite" (= Arnold, Arnwalt) ist, werden wir auf die Porta Westfalica und auf Westfalen selbst geradezu zwingend als Ursprungsheimat unserer Familie hingewiesen, denn der Name "Nolte" ist dort einer der häufigsten. Aus den Nachforschungen Johannes Nöltings dürfte sich folgendes ergeben: Unsere Familie ist um 1570 in Ratzeburg eingewandert Die Urheimat der Familie ist die Gegend der Porta Westfalica, denn dorthin weist der Name Nölting-Nolte

 

Heinrich Nölting geb. 1590, gest. 1632

Kleinbreittuchmacher und Vorsteher des

Heiligen-Geist-Hospitals in Ratzeburg.

Verheiratet am 12.5.1616 mit Wendel Meyers,

4 Kinder

Er ist der erste Nölting-Vorfahr, von dem uns einige genauere Daten vorliegen. Er besaß mit anderen Zunftgenossen die Walkmühle des Tuchmacheramtes am südlichen Zipfel des Ratzeburger Sees. Er übte wie später sein zweiter Sohn, unser Vorfahr Hans-Vollrath das Amt eines Vorstehers des Heiligen-Geist Hospitals aus.

 

Hans-Vollrath Nölting geb. 1622, gest. 1690

Kleinbreittuchmacher, Höker (Händler) und Ratsherr zu Ratzeburg, verheiratet mit Gertrud .?, 11 Kinder meist in jungen Jahren verstorben Als Vorsteher des Heiligen-Geist-Hospitals wird Hans-Vollrath später in das Amt eines Kirchengeschworenen an der St. Petri-Kirche in Ratzeburg berufen und erlangt schließlich das höchste städtische Ehrenamt, das des Ratsherren. Hans Vollrath hat als erster unserer Familie neben dem Tuchmachergewerbe "Hökerei" betrieben. Mit "Haack" oder "Höker" wurden in jener Zeit die Kleinhändler bezeichnet, die den Vertrieb aller Güter, die zum täglichen Bedarf einer Familie gehörten, vornahmen. Es ist anzunehmen, dass sich die "Hökerei" unserer Familie aus kleinen Anfängen entwickelt hat, aber im Laufe der Zeit so gewachsen ist, dass die Nöltings zu den angesehensten Bürgern der Stadt gehörten. Dass sie sich zu jener Zeit nicht in einer schlechten Vermögenslage befunden haben, beweist, dass von Hans-Vollraths Kindern, eines der jüngeren, nämlich unser Vorfahr Johann Heinrich als Student nach Kiel auf die Universität geschickt wurde.

 

Johann Heinrich Nölting, geb. 1664, gest. 1732

Pastor zu Mustin i. Lauenburg, verheiratet mit

Elisabeth Hedwig Margaretha Clasen, 11 Kinder

Er war wohl schon vom Studium in Kiel in seine Heimat Ratzeburg zurückgekehrt, als der bisherige Pastor Abraham Müller in Mustin verstarb. Johann Heinrich bewarb sich um diese Stelle. Sein Bewerbungsschreiben vom 30. April 1689 ist im Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv in Schleswig-Gottorp erhalten.

Nach einem Examen vor dem Generalsuperintendenten in Lauenburg stand der Berufung in das Mustiner Pfarramt nichts mehr im Wege. Leider ist keine Predigt von ihm überliefert, denn unser Pastor war kein Freund schriftlicher Arbeit. Selbst die Eintragungen ins Taufregister sind äußerst knapp gehalten und eine langsam fortschreitende Erblindung machte ihn mit der Zeit für schriftliche Arbeiten unfähig. Seine Frau entstammte im übrigen einer angesehenen Familie, deren Mitgift den Anfang in Mustin leicht machte, aber die größer werdende Familie erforderte immer mehr Einschränkung, denn die Pfarre brachte nur geringe Einkünfte. So hat denn auch Professor Nölting später von seinem Großvater als "einem armen Landprediger" geschrieben. Die zunehmende Schwäche seiner Augen machte Johann Heinrich so zu schaffen, dass ihm auf sein Bitten 1724 sein Sohn Peter Christian als Adjunkt zur Seite gegeben wurde. Nach abgelegter Prüfung ist dieser nur ein dreiviertel Jahr wirklicher Pastor in Mustin gewesen, denn er verstarb, keine zweiundvierzig Jahre alt, im März 1733. Die Witwe von Johann Heinrich bat das Konsistorium, ihren anderen Sohn, Johann Andreas, als Pastor nach Mustin zu schicken, aber dieser Bitte wurde nicht entsprochen, weil Johann Andreas bereits für die Pfarre Schwarzenbek vorgesehen war.

 

Johann Andreas Nölting, geb. 1704, gest. 1764

Pastor zu Schwarzenbek 1733, Diaconus an St. Michaelis zu Hamburg 1742,

verheiratet mit Anna Gertrud Elers,

8 Kinder, alle, bis auf einen Sohn jung verstorben

 

Über das Leben unseres Vorfahr Johann Andreas wissen wir dank der Forschungen von Johannes Nölting bereits sehr viel, aber es würde zu weit führen, in dieser kleinen Schrift zu viele Details zu bringen. Wir beschränken uns deshalb auf einen kleinen Überblick und fügen einige Abschnitte aus der Familiengeschichte ein. In Mustin geboren und von seinem Vater getauft, finden wir ihn später als Schüler der Stadtschule in Ratzeburg, dann in Mölln und zuletzt in Lübeck. 1723 wurde er als Student der Theologie in Rostock immatrikuliert und Oktober 1729 bestand er in Ratzeburg seine theologische Prüfung. Nach mehr als drei Jahren fand sich eine Pfarrstelle für ihn, und zwar in Schwarzenbeck. In der Familiengeschichte heißt es dazu:

In den Lauenburgischen Konsistonalakten in Schleswig heißt es in einem Schreiben der Regierung vom 20. Februar 1733, in dem Andreas zuerst als Anwärter auf die Schwarzenbeker Pfarrstelle genannt wird, er habe "jedes Mal (in Rostock und Ratzeburg) einen christlichen und unsträflichen Wandel geführt und besitzt dabei eine feine prudentiam theologicam (theologische Klugheit), hat auch keine gegen die Liebe streitenden principia eingesogen (dies vor allem gegen die Bedenklichkeit seines Aufenthaltes in Rostock!), ist daneben von Gott mit guten Gaben ausgerüstet und in dem den 12. Oktober 1729 bereits gehaltenen Examen wohl bestanden."

Am 1. Sonntag nach Trinitatis, dem 7. Juni 1733, hielt Andreas seine Aufstellungspredigt in Schwarzenbek über das Sonntagsevangelium vom reichen Mann und armen Lazarus. Nach der Predigt wurde die Gemeinde befragt, "ob sie auf desselben Lehre und Gaben, auch Leben und Wandel etwas Erhebliches zu sagen hätte? So ist darauf die einhellige Antwort erfolget, dass sie dagegen nichts einzuwenden wüssten, sondern sich vielmehr erfreuten, dass Gott ihnen einen solchen guten Predigerzuführen wolle, wünschten anbey, dass der große Gott denselben lange Jahre bey ihnen erhalten möge. "Am nächsten Sonntag, dem 14. Juni, wurde Andreas in der Stadtkirche in Ratzeburg zum heiligen Predigtamt ordiniert, nachdem er tags zuvor den Eid geleistet und die  Lauenburgische Kirchenordnung unterschrieben hatte. Die feierliche Einführung in Schwarzenbek erfolgte erst vierzehn Tage später am 28. Juni 1733.

Am 25. November 1733 heiratet er Anna Gertrud Elers, Tochter seines Superintendenten Johann Elers in Ratzeburg. Von den acht Kindern dieser Ehe verstarben sieben bereits im zartesten Alter. Durch die Heirat mit Anna Gertrud gewann unsere Familie eine Verbindung zu den damals einflussreichsten Ratsherren und Kaufmannsfamilien Hamburgs, wie Moller, von Eitzen, von Spreckelsen. So folgte Johann Andreas gern dem Ruf nach Hamburg, als er am 01. April 1742 zum vierten Diakonus an die St. Michaeliskirche gewählt und am 08. Mai in sein neues Amt eingeführt wurde. Seine Tätigkeit im neuen Amt schildert Johann Heinrich Nölting in der Familiengeschichte unter anderem wie folgt:

 

Für unseren Andreas begann nun die aufreibende Arbeit in der Großstadt. Aber gerade im größeren Rahmen konnten sich die besonderen Gaben unseres Vorfahren entfalten: Die Seelsorge und der persönliche Umgang mit seinen Pfarrkindern. So wurde er in Hamburg ein besonders beliebter Beichtvater. Es war ein schweres Amt, bei der damals noch allgemein üblichen Privatbeichte. Es bedeutete für den Geistlichen, dass er sich den Sonnabendnachmittag im Beichtstuhl aufhalten musste, um den Confidenten (Beichtkinder), die am Sonntag im Gottesdienst das heilige Abendmahl empfangen wollten, einzeln die Beichte abzunehmen und die Absolution zu erteilen. In Hamburg blieb übrigens die Privatbeichte bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts lebendig, in den Vierländer Gemeinden sogar bis etwa 1890. Wie viel Kräfte erforderte dies verantwortliche Amt! Nölting zum Beispiel hatte im Jahre 1753 von den 81.905 Kommunikanten der Stadt bei einer Bevölkerung von 90.000 Seelen allein 9000 Abendmahlsgäste. (Familiengeschichte S.53)

 

Während seiner Amtszeit erlebte die St. Michaelisgemeinde ein großes Unglück: Am 10. März 1750 während eines Wintergewitters wurde die erst 1668 vollendete Kirche durch Blitzschlag in Brand gesetzt und vollkommen zerstört. Der Wiederaufbau durch den berühmten Ernst Georg Sonnin zog sich bis 1762 hin. Bei der Einweihung durfte Johann Andreas, inzwischen dritter Diakonus, den 84. Psalm verlesen, der zum eigentlichen Psalm der Michaeliskirche geworden ist:

 

Wie lieblich sind Deine Wohnungen, HERR Zebaoth!

Meine Seele verlanget und sehnet sich nach den Vorhöfen

des Herrn. Mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.

Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild!

 

Schon lange Zeit vor seinem Tode begann er zu kränkeln und nach dem Tode seiner Frau im Juni 1760 auch zu vereinsamen. Trost in diesen seinen letzten Jahren war ihm sein Sohn Johann Hinrich Vincent, der seinen Eltern als einziges von acht Kindern geblieben war, und im Juni 1759 nach vier Jahren Studium in Jena in sein Elternhaus zurückgekehrt war. Am 30. September erlag Johann Andreas einem Schlaganfall. Unter der großen Michaeliskirche liegt er begraben. Seine Grabplatte im Gruftkeller erinnert an ihn.

 

Johann Hinrich Vincent Nölting, geb. 1736, gest. 1806,

"Der Weltweisheit und Beredtsamkeit Professor am

Akademischen Gymnasium zu Hamburg" verheiratet mit

Ernestine Tympe, geb. 1741, gest. 1764, in zweiter Ehe mit

Hedwig Lokervitz, geb. 1739, gest. 1802. Von neun Kindern

starben fünf in jungen Jahren.

Geboren in Schwarzenbek erlebte Johann Hinrich Nölting den Umzug seiner Familie in die Großstadt Hamburg als Sechsjähriger. Der Vater schickte seinen Sohn nicht , wie man doch denken sollte, in die Gelehrtenschule des Johanneums, sondern ließ ihn zuhause von „Hofmeistern“, zumeist Kandidaten der Theologie, die auf ihr Amt warteten und bei ihm im Pastorat wohnten, unterrichten.

Mit fünfzehn Jahren wurde Johann Schüler des Akademischen Gymnasiums, an dem er später bis zu seinem Tode als Dozent wirken sollte. Diese Anstalt war damals eine Zwischenstufe zwischen Schule und Universität. Die Schüler fanden hier Gelegenheit in drei Jahren die Grundlagen akademischen Wissens zu legen. Auf der Universität wurde dann das eigentliche Fachwissen als Arzt, Jurist, Theologe oder Philologe erworben. 1755 begann für Johann dann die Studentenzeit, und zwar in Jena. Der Abschied vom Elternhaus fiel ihm nicht leicht, denn so schnell würde man sich nicht wieder sehen. Dauerte doch die Fahrt mit der Postkutsche damals allein von Hamburg nach Leipzig ganze fünf Tage! Diese vier Jahre in Jena waren für Johann eine schöne und glückliche Zeit, in der er viele Freundschaften schloss und seine künftige Frau kennen lernte, die junge, sehr hübsche Tochter seines Professors Johann Gottfried Tympe. Für uns schwer vorstellbar, dass diese unbeschwerten Studentenjahre in die Zeit fielen, in der sich in vielen Teilen Deutschlands Preußen und Österreicher, Russen und Franzosen mit wechselndem Erfolg die Köpfe einschlugen! 1759 kam der Abschied von seiner Geliebten, aber versüßt durch die Einwilligung ihrer Eltern zum künftigen Lebensbunde, sobald er ein Amt in Hamburg gefunden habe.

Im August 1761 wurde Nölting als Nachfolger eines verstorbenen Dozenten zum "Professor der Logik, Metaphysik und Eloquenz" am Akademischen Gymnasium in Hamburg gewählt und nun stand seiner Hochzeit nichts mehr im Wege. Das Pfarrhaus in der Pastorenstraße 14, das sein Vater, inzwischen dritter Diaconus, seit dem Tode der Mutter allein bewohnte, war geräumig genug, um auch das junge Paar aufzunehmen.

 

Erste Ehe

Im September 1761, wenige Tage nach seiner Amtseinführung reiste unser Nölting nach Jena, um seine Braut heimzuführen. Laut Familiengeschichte von Pastor Johannes Nölting reiste er "in kommoder Reisekutsche mit vier Pferden" und "obgleich trotz des nun schon fünf Jahre dauernden Krieges zwischen Preußen, Österreich und Russland die Wege einigermaßen sicher sein sollten, befand er es für gut, zwei Pistolen und zwei Hirschfänger als Bewaffnung mitzunehmen und den Bedienten, wenn sie nicht gerade durch eine Stadt fuhren, wo er auf dem Bock repräsentieren musste, bei sich im Wagen fahren zu lassen." Über die Trauung in Jena und die gemächliche Rückfahrt wissen wir leider nichts.

Das Glück beider sollte aber nur kurze Zeit dauern. Nachdem ihnen im Oktober 1763 noch ein Sohn geschenkt wurde, starb die junge Frau am 8. Februar 1764 an der Schwindsucht und zwölf Tage später folgte ihr Kind ihr im Tode nach. 1764 war ein trauriges Jahr für die Nöltings, denn wie bereits erwähnt, starb am 30. September auch noch der alte Vater.

Für unseren Professor folgten arbeitsreiche Jahre. Als er das Pfarrhaus nach Ablauf eines Gnadenjahres verlassen musste, bot sich ihm die Gelegenheit, ein Drillinghaus im Bleekerkamp, der späteren Poststraße, zu erwerben. Über diese Häuser ist zu berichten, dass unser Professor eines derselben, Nr. 50, von1774 bis zu dessen Tode an den Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock vermietete.

Beim Abbruch der Häuser im Jahre 1908 kamen die Decke und die Stucknischen, sowie Fußboden und die Türen des Saales aus dem "Klopstockhaus" ins Magazin und später in das neu erbaute Museum für Hamburgische Geschichte, um hier ihre Auferstehung im "Klopstock-Zimmer" zu feiern. Der Hauer-Contract (Mietvertrag) aus dem Jahre 1796 ist noch in der Staatsbibliothek erhalten und hier nun zuerst „übersetzt" und auf der übernächsten Seite in Kopie abgebildet ist:

 

Hauer=Contract

Zu wissen, dass im Namen Gottes zwischen dem Herren Professor Nölting als Verhaurer eines, und Herrn Legazionsrath Klopstock als Haurer anderen Theils, nachfolgender aufrichtiger Hauer-Contract wohlbedächtlich verabredet und geschlossen worden.

Es verhäuret nämlich der Professor Nölting das Wohnhaus in der Königstraße 232, nebst dem darunter befindlichen Wohnkeller an oben besagten Legazionsrath Klopstock um selbiges in dem Stande, worinn es jetzo befindlich ist, gebührendermassen zu bewohnen, auf drey Jahre und zwar von Himmelfahrt des 1797ten Jahres bis Himmelfahrt des 1800ten Jahres gegen Erlegung von 700 Mark Neu Hamburger Curant jährlicher Hauer=Gelder, wovon alle halbe Jahre die Hälfte, zu der hieselbst gewöhnlichen rechten Zeit, ohnverzüglich zu entrichten; wobei beyde Theile sich anheischig machen, im Falle der eine oder der andere diesen Contract weiter zu continuiren nicht geneigt seyn würde, denselben ein halbes Jahr vor dessen Ablauf ordentlich loszukündigen.

Wie hiemächst Hr. Verhaurer sich verbindet in währenden Hauer=Jahren Dach= und Fachvest, wie auch in nothdürftigen Bauwesen zu unterhalten, imgleichen die gläsernen Fenster bey der Einziehung dicht und gut zu liefern, also verpflichtet sich auch der Herr Haurer nicht nur solche Fenster bey der Ausziehung in eben so guten und dichten Stand wiederum zu setzen, sondern auch an dem Hause und Keller so lange Er solche bewohnen wird, ohne Vorwissen und Willen des Verhaurers in keinem Stücke etwas zu ändern oder ändern zu lassen, vielmehr dahin zu sehen, dass nichts daran ruinirt noch verdorben werde; widrigenfalls allen Schaden der durch Ihn oder die Seinigen verursachet werden möchte, völlig zu bessern und zu erstatten. Ohne List und Gefährde.

Zu mehrerer Urkund ist dieser Contract mit einem Gottespfennig bekräftiget, gedoppelt ausgefertigt, und von beyden Theilen eigenhändig unterschrieben. Geschehen in Hamburg, den löten August 1796

 

Gleichfalls im Jahre 1764 erwarb Nölting ein Gartenhaus in Wandsbek, da es damals zum Lebensstil gehörte, die schöne Jahreszeit "auf dem Garten" zuzubringen. Eine Kutsche zu halten, überstieg seine Verhältnisse. So musste er den langen Weg vom Stadthaus nach Wandsbek und zurück jeweils über eine Stunde! stets zu Fuß zurücklegen. Um das Anwesen instand zu halten, war ein Gärtnerehepaar nötig, mit dem der Professor einen recht umfangreichen Kontrakt schloss. Diesen Kontrakt, in dem wirklich an alles und jedes gedacht ist, und der uns als historisches Dokument die damalige Zeit und ihre sozialen Verhältnisse vor Augen führt, hat mein Vater das erste Kapitel seines Buches "Vom Rothenbaum nach Niendorf" gewidmet. Ihn hier abzudrucken würde den Rahmen dieser kleinen Schrift sprengen.

Neben seinen Vorlesungsverpflichtungen am Akademischen Gymnasium hat unser Professor Reden und Predigten in verschiedenen Gemeinden gehalten und allerlei Schriften verfasst. So gab er zwischen 1767 und 1769 drei Bände seiner Reden heraus. Von seinen Schriften sind noch die beiden in Leder gebundenen 1786 und 1797 erschienenen Bände "Versuch in geistlichen Liedern", sowie das 1792 erschienene Bändchen "Feierliche durch die Römische Kaiserwahl Seiner Majestät des Allerdurchlauchtigsten Großmächtigsten und Unüberwindlichsten Herrn Franz des Zweiten, König von Ungarn und Böhmen, veranlasste Empfindungen" in Familienbesitz. Der Inhalt dieser Schrift ist genauso schwülstig wie ihr Titel, aber das lag wohl in der Zeit damals.

 

Zweite Ehe

Sechs Jahre nach dem Tode seiner Frau heiratete Johann Hinrich Vincent im April 1770 in Dahmgarten seine Cousine Hedwig Lokervitz und so bekamen die beiden Nölting-Häuser, in der Stadt und in Wandsbek wieder ihre rechte Seele. Jetzt begann für die Familie eine glückliche Zeit. Von den neun Kindern, die Hedwig in den ersten 14 Jahren ihrer Ehe gebar, blieben freilich nur vier am Leben: Johann Benjamin, geb. 1771, Dorothea Catharina Henriette, geb. 1772, Eleonore Ernestine Emilie, geb. 1778 Benjamin, der wie auch sein jüngerer Bruder auf Wunsch des Vaters den Kaufmannsberuf erlernte, ist der Vorfahr von Pastor Johannes Nölting, Autor der umfangreichen Familiengeschichte. Henriette heiratete mit siebenunddreißig Jahren in Mannheim einen Herrn Spitzer aus Wien. Nachkommen leben nicht mehr. Emilie hatte sich im zweiten Lebensjahr durch einen Unfall so verletzt, dass sie zeitlebens ein Krüppel blieb. Trotzdem wurde sie 71 Jahre alt. Carl Joseph nun ist unser Vorfahr, über den wir im übernächsten Kapitel berichten.

 

Begegnung mit Lord Nelson

Eine Begebenheit aus dem Leben unseres Professors verdient jedoch noch erwähnt zu werden, nämlich die Begegnung mit dem englischen Seehelden Lord Nelson im Haus seines Mieters, des Dichters Klopstock. Matthias Claudius, Herausgeber des "Wandsbeker Boten" und Dichter des bekannten Liedes "Der Mond ist aufgegangen" war als Nachbar mit unserem Professor gut bekannt. Er war zugegen, als Nelson und seine Geliebte, Lady Hamilton, anlässlich ihres Hamburg-Aufenthaltes im Oktober 1800 dem Dichter Klopstock in dessen Wohnung einen Besuch abstatteten. Was sich hierbei zwischen Nelson und dem hinzukommenden schon recht betagten Professor Nölting abspielte, beschrieb er in einem Brief an seine Tochter Anna Jacobi am 5. Dezember 1800 wie folgt:

"Als Nelson und Lord und Lady Hamilton und Brekeil und Dumvurier bei Klopstock in guter Andacht sitzen und Madame Hamilton allerlei Stellungen von Antiken und aus der Mythologie macht und Reden hält und dazu singt, welches alles sie, sagt man, vortrefflich machen soll, tritt Nölting mit einmal in die Stube in Pantoffeln in einem alten schmutzigen Casequin mit einer großen Bibel unter dem Arm und mit Tinte und Feder in der Hand und sagt in gebrochenem Englisch zu Nelson: dass er, Nölting, es nicht helfen könnte und dass er, Nelson, in diese Bibel seinen Namen hineinschreiben müsse. Nelson schreibt auch gleich hinein, und alle ändern, die ein solches Intermezzo nicht vermutet hatten und nicht recht begriffen, stehen stillschweigend und sehen zu. Sobald der Name geschrieben ist, umarmt Nölting den Nelson und bedankt sich tausendmal und küsst ihm den Stummel des abgeschossenen Armes und erklärt seine übergroße Liebe und Achtung für den Mann, der sich um Europa so verdient gemacht hätte usw. Dies alles geschieht aber doch mit einer solchen Art, dass der Nelson ganz gerührt ward und der Lady Hamilton, sagt Klopstock selbst, die Tränen in den Augen gestanden sind. Darauf geht Nölting mit der Bibel und Feder und Tinte und Pantoffel wieder heraus, und nun, sagt das bösliche Publikum, lässt er den Namen für Geld sehen und hilft mit dem Gelde einer verarmten Familie auf." Es ist keine ganz vorteilhafte Rolle, die unser Vorfahr hier spielt. Aber die Geschichte mag schon wahr sein, denn seine Menschenfreundlichkeit suchte sich manchmal etwas wunderliche Wege. Am 23. August 1806 traf ihn ein Schlaganfall, der noch am gleichen Tage seinen Tod herbeiführte. Schon vier Jahre früher war ihm seine Frau vorangegangen. Sie starb ganz unvermutet im Mai 1802 und wurde in der von Johann Andreas gekauften "Ruhekammer" im Gruftkeller von St. Michaelis beigesetzt. Hier ruhten schon neben dem Diakon des Professors erste Frau Ernestine und sein Söhnlein Carl. Und nun fand als letzter unser Vorfahr selbst dort die ewige Ruhe.

 

Carl Joseph Nölting, geb. 1781, gest. 1849

Kaufmann zu Mannheim, 1820 Senatskanzlist

zu Hamburg, verheiratet mit Joesphe Henriette

Finder geb. in Mannheim, gest. 1861,

10 Kinder

Wie bereits erwähnt war Carl Joseph der jüngste Sohn des Prof. Johann Hinrich Vincent und seiner Frau Hedwig. Auf Wunsch seines Vaters erlernte er genau wie sein älterer Bruder Benjamin den Kaufmannsberuf. Als sein Vater starb befand er sich gerade auf einer Reise nach St. Petersburg. Später lernte er Henriette Finder, die Tochter des Hofkammerrats Finder aus Mannheim kennen. Sie heirateten im Juli 1808 in Brunstorf bei Schwarzenbek und siedelten nach Mannheim über.

In Mannheim betätigte sich Carl Joseph als Kaufmann, unternahm Geschäftsreisen in die Schweiz und nach Frankreich, doch blieben wegen der politischen Lage es war die Zeit, in der Napoleon Europa mit Krieg überzog Erfolge seiner emsigen Tätigkeit aus.

Im Jahre 1812 versuchte er mit Unterstützung von Hamburg aus in Mainz "am Donnersberg" eine Fabrik zu errichten, doch auch dieser Plan scheiterte. Weil er glaubte, in seiner Vaterstadt besser voranzukommen, siedelte er 1816 mit seiner Familie nach Hamburg über, leistete am 12. Juni 1818 den Bürgereid (Kopie dieses Dokumentes in plattdeutscher Sprache auf der nächsten Seite) und erhielt 1820 die Stelle eines "Senatskanzlisten" mit einem festen Gehalt von 2.000 Mark Courant jährlich, wie es die "Verordnung der Freien und Hansestadt" von 1817 vorschrieb.

Die Syndici der Freien und Hansestadt Hamburg waren in der Hamburger Verwaltung vier exponierte, politische Persönlichkeiten, die eigene Kanzleien unterhielten. Carl Joseph Nölting kam zum Syndicus J.A. von Sienen, möglicherweise durch verwandtschaftliche Vermittlung durch die Familie seiner Großmutter Anna Gertrud, geb. Elers. Die Stelle eines Kanzlisten war eine durchaus angesehene, doch das Gehalt erlaubte der kinderreichen Familie keine großen Sprünge. So wohnten sie zuerst auf dem Grasbrook, einer damals malerischen Hafengegend mit schönen Fachwerkhäusern (die Ende des Jahrhunderts dem Bau des Freihafens weichen musste), später dann in einem der Nöltingschen Häuser in der Königstraße.

 

Die Gehaltserhöhung

Die schriftlich vorgebrachte Bitte um eine Gehaltserhöhung nach inzwischen fünfundzwanzigjähriger Tätigkeit erscheint besonders geeignet, den Geist jener Zeit und besonders das Verhältnis von Untergebenen zu Vorgesetzten aufzuzeigen. Carl Joseph ersucht in seinem Schreiben "SR, Magnificenz Herrn Syndicus Sieveking (in dessen Kanzlei er übergetreten war) ebenso sehr huldvoll, als meinerseits wenig verdient unter Berücksichtigung des Umstandes einer 25jährigen Dienstzeit ermuthiget zu dem nunmehrigen Ausspruch einer unmaßgeblichen Idee" bewegt. Es folgt eine ebenso umständliche, wie langschweifige Darlegung der erheblich größer gewordenen Arbeit und, dass man fünfzehn Jahre lang für einen eingesparten vierten Kanzlisten mitgearbeitet habe, "weswegen ich mich erdreiste Ew. Magnificenz mit dem gegenwärtigen Vortrage zu behelligen ...im Vertrauen auf dem gütevolle Nachsicht......" usw. Und schließt "Mit der vollkommensten Veneration und Ergebenheit habe ich die Ehre zu beharren, Ew. Magnificenz ganz gehorsamer Diener'. Vier Jahre später stirbt der Kanzlist und 12 Jahre später kehrt sein Sohn Emile als reicher Mann aus Haiti nach Hamburg zurück.

Von Carl Josephs zehn Kindern wurden fünf in Mannheim und fünf in Hamburg geboren. Die beiden ältesten Söhne starben jung im Alter von vier und fünf Jahren. Auf den 1812 geborenen Jacques Emile Louis Alexandre, unseren Vorfahr, kommen wir im nächsten Kapitel zurück. Seine Geburt fällt in die Zeit, in der das Großherzogtum Baden dem Napoleonischen Rheinbund angehörte. So erklären sich die französischen Vornamen. Die beiden ersten lassen auf die große Verehrung schließen, die sein Vater dem französischen Philosophen Jean Jacques Rousseau und seinem Roman "Emile" entgegenbrachte.

Von den in Hamburg geborenen Kindern folgten drei, nämlich Friedrich, Albrecht und Wilhelm wie ihr älterer Bruder dem Drang in die Ferne. Friedrich, später Schiffskapitän, hat sich mit seiner Familie in Kalifornien angesiedelt. Die beiden jüngeren Brüder wurden Opfer des Fiebers, Albrecht 1845 in Port au Prince, Wilhelm (Guillermo) 1852 auf der Rückreise von Puerto Plata in Bremerhaven. Er hinterließ eine Witwe und einen Sohn Emilio, später Direktor einer Chemieschule in Mülhausen/Elsas.